Mama, guck - Macknele!

Teil 2 - Mauretanien & Senegal

Wir erledigen in Guerguarat die Ausreiseformalitäten und stellen erstaunt fest, dass es im Grenzstreifen zwischen Marokko und Mauretanien inzwischen ein Stück allerfeinste Teerstrasse gibt. Aber leider führt sie nicht zum mauretanischen Grenzposten! Also: Umdrehen und auf den holprigen Resten der "Spanish Road" zum Grenzposten. Wir sind eben am Umdrehen, als mit quietschenden Reifen ein einheimisches Fahrzeug neben uns hält. Wir kennen es bereits, denn der Fahrer und seine drei Begleiter haben uns vor wenigen Minuten ihre Dienste als Führer angeboten, was wir höflich abgelehnt haben. Die Vier reden aufgeregt auf uns ein. "Gefährlich!" erzählen sie, "Minen!", "Unverantwortlich!" (mit dem Finger auf unsere kleine Tochter zeigend), "ohne Guide unmöglich". Wir fragen interessehalber nach dem Honorar für die Begleitung. 100 Euro bis Nouadhibou, 200 bis Nouakchott. Stolze Preise! Verhandlungsbereitschaft gleich null. Offenbar haben die Guides bei einem guten Teil der Touristen Erfolg mit ihrer Masche und erhalten tatsächlich diese Beträge. Mit uns können sie allerdings nicht ins Geschäft kommen. Wir werden den Weg auch alleine finden.

Kurz darauf erreichen wir den mauretanischen Gendarmerie- Posten. Trotz vieler Reisen - die erbärmlichen Bedingungen, unter denen die Grenzbeamten hier ihren Dienst tun müssen, erschrecken uns auch heute wieder. Als Behausung dient ihnen eine Art Höhle aus aufgeschichteten Steinen. Die Abfertigung durch die freundlichen Beamten erfolgt rasch und problemlos, und sie sind mehr als dankbar, als wir ihnen Kekse und Konserven aus unserem Proviant überreichen. 

Wenige Meter später wiederholt sich das Procedere bei den Beamten der mauretanischen Polizei. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass hier eine Gebühr von 10 Euro gefordert wird. Legal ist diese Gebühr nicht. Aber wie will man das beweisen? Und hat man wirklich Lust auf stundenlanges Argumentieren? Nein. Also zahlen und weiter zum dritten Posten, dem Zoll.

Ob der Zöllner an diesem Tag sauer ist, weil er am Nationalfeiertag arbeiten muss? Ob er einfach einen schlechten Tag hat? Oder ob einer der Guides, deren Dienste wir abgelehnt haben, mit ihm verwandt oder verschwägert ist? Keine Ahnung. Jedenfalls verbringen wir mehr als eine Stunde beim Zollposten, während besagter Zöllner fast jeden Gegenstand aus unserem Auto einzeln in die Hand nimmt. Sogar die Pampers werden untersucht! Das einzige "Delikt", dessen wir uns schuldig machen, ist die Tatsache, dass die mitgeführte Menge Wein (Souvenir aus dem benachbarten Marokko) die erlaubten 2 Liter pro Person geringfügig übersteigt. Drum frage ich erstaunt "Wofür?", als er 40 Euro von uns verlangt. Er grinst frech und sagt "Comme cadeau". Als Geschenk! Um zu vermeiden, dass die Untersuchung sich noch mehr in die Länge zieht - er ist sichtlich unzufrieden darüber, dass er bislang nichts gefunden hat, wofür er uns "bestrafen" kann - willigen wir schliesslich in die Zahlung von 10 Euro für die Mitnahme des Weins ein. Und nichts wie weg! 

Die Tendenz zur Korruption unter den Beamten ist allgemein bekannt; und wenn wir ehrlich sind, ist sie aufgrund der miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen auch noch irgendwie nachzuvollziehen. Trotzdem ist es natürlich ärgerlich. Aber was solls; wir trösten uns damit, dass es nur einer von dreien war, der Ärger machen wollte, und auch der trieb es ja nicht bis zum Exzess. Was uns allerdings richtig stört, ist die Tatsache, dass durch den Zeitverlust inzwischen die Dämmerung hereinbricht. Wir stellen fest, dass es im Minengebiet, das wir nun zu durchfahren haben, unzählige Pistenverzweigungen gibt. Auch unsere Koordinaten geben natürlich keinen Aufschluss darüber, welche der Spuren die richtige ist. Was tun? Wir haben keine Lust auf nächtliche Experimente zwischen Minen, von denen niemand weiss, ob sie noch existieren oder nicht. Unser Beschluss: Wir fahren zurück zum Posten, übernachten dort und fahren die Strecke morgen bei Tageslicht. Beim Posten ist inzwischen ein weiterer Tourist eingetroffen, ein deutscher PKW. Rüdi, der Fahrer, ist die Strecke zuletzt vor drei Wochen gefahren und traut sich zu, die richtigen Verzweigungen auch bei Nacht zu finden. Kurze Beratung - o.k., wir schliessen uns an! In der Dunkelheit ist das Navigieren bedeutend schwieriger als am Tage. Mit gemeinsamen navigatorischen Kräften gelingt es dennoch, den Weg zu finden, und zwei Stunden später erreichen wir - zugegebenermassen doch recht erleichtert (zumindest was mich betrifft) - den Campingplatz in Nouadhibou. 

Wir legen zwei Tage Ruhepause ein. Lisanne schliesst Freundschaften.   Unvergessliche Erinnerung an Nouadhibou wird für mich allerdings sein, welch Staunen ich auslöse, als ich mit Kind, Buggy und Sonnenschirmchen zum Einkaufen losziehe!

Kurt zieht in Erwägung, ins Landesinnere Mauretaniens weiterzureisen. Er kommt jedoch kaum dazu, laut diesen Gedanken zu äussern. Denn ich habe so viel über die fantastische Piste am Meer entlang gehört und gelesen, dass für mich klar ist: Bei meiner ersten Reise nach Mauretanien möchte ich diese Strandpiste fahren! Er hat ein Einsehen mit mir. Und er gibt zu, dass auch für ihn als alten (Afrika-)Hasen die Route am Ebbstrand immer wieder einen ganz besonderen Reiz darstellt. 

Rüdi und Ann-Kathrin, die bereits vorab erwähnten Deutschen, schliessen sich mit ihrem Renault an und wir machen uns gemeinsam auf die Fahrt durch die mauretanische Sahara. Im Bild der beeindruckende und vor allem unglaublich lange Erzzug durch die Wüste.
Am Fuss einer Düne finden wir einen wunderschönen Übernachtungsplatz. Vermutlich geht es mir wie vielen anderen: Es sind genau diese Abende und Nächte inmitten von Sand und unter Tausenden von Sternen, die mich an der Wüste am meisten begeistern...
Lisanne dagegen ist immer ganz aus dem Häuschen, wenn wieder ein Exemplar aus der Gattung der "Macknele" auftaucht. Sie scheint eine ganz besondere Sympathie für die höckrigen Tiere entwickelt zu haben.
Im Nationalpark Banc d'Arguin ist Wildcampen verboten. Macht nichts; auch beim offiziellen Campement herrscht beschauliche Ruhe - wir sind die einzigen Gäste. Und nicht mal die Fischerboote machen Lärm, denn es wird mit Windkraft gefahren.
"Lüdi" (wir haben inzwischen alle Lisannes Sprechweise adoptiert) hat etwas Pech mit seinen Reifen. Nach einigen Zwangspausen für Pumpen und Reifenwechseln erreichen wir ...
...die nicht eben einladende Hüttensiedlung Nouamghar, wo die Strandpiste beginnt. Tiefststand der Ebbe war vor 2 1/2 Stunden. Am Strand fahren sollte man gemäss Empfehlung bis 2 Stunden nach Tiefststand. Wir sind uns einig: Wir fahren trotzdem noch ...
...einige Kilometer am Meer, um - bereits nachmittags um drei - einen Nachtplatz in den Dünen zu finden. Paradiesische Verhältnisse: Sonne, Sand, sanfte Wellen. Und nach dem Badevergnügen fangfrischer Fisch. Sollen wir wirklich morgen schon weiterfahren??
Klar! Als am kommenden Vormittag die ersten Fahrzeuge am Strand entlang kommen, sind natürlich auch wir startbereit. Ich teile jetzt die Begeisterung all jener, deren Berichte ich gehört hatte - diese Strecke ist wirklich fantastisch!
Schwierige Stellen wie diese sind selten...
...auffliegende Vogelschwärme dafür umso zahlreicher.

Dreieinhalb Stunden nach Verlassen unseres "Paradieses" erreichen wir Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott, die wiederum mit dem Paradies sehr wenig gemein hat. Heiss, staubig, aufdringliche Verkäufer, die alles mögliche von der Telefonkarte bis hin zur Sonnenbrille an den Mann/die Frau bringen wollen. 

Schmutzig und verschwitzt kommen wir in der Stadt an. Aber noch bevor wir uns Zeit zum Duschen und Windelnwechseln nehmen, gilt unser erstes Interesse der  Botschaft des Nachbarlandes Mali. Denn es ist Donnerstag nachmittag, und wir brauchen noch Visa. Wir haben Glück - 15 Minuten vor Schluss finden wir die Botschaft und erhalten nach minimaler Wartezeit die Visa. Trotz des unfeinen Geruchs, den wir verströmen, werden wir zuvorkommend und freundlich bedient. 

Weniger Glück haben wir kurz darauf bei der senegalesischen Botschaft. Gerade geschlossen! Aber zwei Tage Ruhepause in Nouakchott sind auch nicht weiter schlimm. Mal wieder faulenzen, am Strand spielen und im Internetcafé nachsehen, ob's wichtige Neuigkeiten gibt. 
Als Kurt sein Senegal- Visum hat (Lisanne und ich brauchen als EU- Bürger keines), brechen wir auf in Richtung Rosso. Viele Schlaglöcher, fast genau so viele Kontrollposten, immer wieder überfahrene Rinder am Strassenrand. Nicht meine Lieblingsstrecke. 
Wir entscheiden uns für den Grenzübergang von Diama für die Einreise nach Senegal, d.h. 95 km Piste entlang des Senegalflusses. Im Bild das Vogelschutzgebiet Diawling, das entlang der Piste verläuft.

Die Grenzabfertigung verläuft relativ zügig. Dennoch ist es inzwischen dunkel, als wir auf der Wellblechpiste in Richtung St. Louis rumpeln. Wann immer möglich, vermeiden wir derart lange Fahretappen, vor allem mit dem Ziel, Lisanne nicht zu überfordern. Wir möchten nicht, dass sie ein traumatisches Verhältnis zu ihrem Kindersitz im Auto entwickelt. Mit 8 Stunden Fahrzeit (doppelt so lange wie gewöhnlich) war's heute denn auch tatsächlich zu viel für sie. Nach mehr als einem Monat Reise erklingt heute zum allerersten Mal von der Rückbank ein müdes "Will heim!"
In den nächsten drei Tagen jedoch vergisst Lisanne alle Gedanken an zuhause wieder. Das verdanken wir der "Zebrabar" in der Nähe von St.Louis, genauer den Schweizern Ursula und Martin mit ihren Kindern Samira und Marco, die den Campingplatz besitzen.
Drei entspannte Tage in familiärer Atmosphäre.  
Blick vom Aussichtsturm

 

Ursula und Martin empfehlen uns für die Weiterfahrt nach Dakar eine Piste am Strand anstelle der Teerstrasse im Landesinneren. "Klar doch" sagen wir ....
...und machen uns auf, durch die Kakteenfelder zum Strand. Als jedoch der Weg zwischen den Kakteen immer schmaler wird und wir schliesslich im Sand festsitzen, alle vier Räder in den stacheligen Kaktusgewächsen, ...
...wird uns klar: DAS ist nicht der richtige Weg zum Strand! Eine halbe Stunde nach dem schweisstreibenden Befreien des Fahrzeugs ist der erste Reifen platt. Immerhin - den richtigen Weg zum Strand haben wir jetzt gefunden!
Reifen wechseln und Stacheln entfernen. Inzwischen hat die Flut wieder eingesetzt. Die Fahrt am Strand fällt aus. Lisanne freut sich - denn es geht zurück zur "Zebrabar". Der zweite Reifen beginnt Luft zu verlieren. Ob wir lieber gleich alle 4 Reifen ersetzen sollten?

Wir entscheiden uns für Reparieren und starten am nächsten Tag erneut in Richtung Dakar, allerdings auf der Teerstrasse. Das Risiko, mit platten Reifen liegenzubleiben, ist uns zu gross. Wir bleiben tatsächlich liegen, kurz vor dem Campingplatz, auf dem wir übernachten wollen. Mitten im Stop-and-go-Verkehr von Rufisque. Allerdings nicht wegen der Reifen, sondern aufgrund eines Kurzschlusses der Batterie. Schon während des ganzen Tages haben wir bemerkt, dass mit der Batterie etwas nicht stimmt. Bei jeder Bodenunebenheit leuchtete das Ladelämpchen. Mit dem Kurzschluss hat dieses Phänomen ein Ende - jetzt leuchtet gar nichts mehr! Es erscheint fast wie eine göttliche Fügung: Der beste Autoelektriker Senegals (mit Diplom bestätigt!) wohnt wenige Meter entfernt und nimmt sich des Problems an. Wenn auch spät in der Nacht, wir erreichen auf jeden Fall noch am gleichen Tag den Camping von Mbao. 
Freudige Überraschung: Hier treffen wir wieder auf André, Frizzi und Silke, drei deutsche Motorradfahrer, die wir schon von Nouakchott und von der Zebrabar kennen. Gemeinsam unternehmen wir einen Ausflug per Piroge zur ehemaligen Sklaveninsel Gorée. (Auch wenn...
...die Piroge auf den Fotos vertrauenerweckend wirkt), mein Vertrauen zu der schwankenden Nussschale ist nicht besonders gross. Das Wasser und die toten Fische im Rumpf des Bootes sowie die Kakerlake, die während der Schaukelfahrt auf mich zugekrabbelt kommt, tun ein Übriges. Für die Rückfahrt chartern wir ein Taxi! 
Ile de Gorée, die Sklaveninsel: Ein Stück Geschichte, das auch heute noch betroffen macht. Drei Jahrhunderte lang wurden von hier aus Sklaven übers Meer verschifft. Was uns als "weisse" Besucher positiv überrascht: Der Ort dient nicht der "Anklage" gegen die Weissen, sondern als Mahnmal für Menschlichkeit ganz im allgemeinen.
Im Foto: das aufs Meer hinausführende "Tor ohne Wiederkehr"
"Völkerverständigung" im Kleinen: Lisanne teilt ihre Bonbons.
Besuch im Tierpark "Réserve de Bandia": Auch wenn man weiss, dass die Tiere aus Südafrika importiert worden sind - wenn man (so wie ich) noch nie in Ost- oder Südafrika war, ist es toll...
... Nashörner aus nächster Nähe zu sehen. 
Lisanne gefallen nicht die ganz grossen Tiere am besten...
...nein, sie würde am liebsten die Riesenschildkröten mit nach Hause nehmen. 

Zu Teil 3 - Gambia & Mali

 

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