Was ist Fernweh?
Teil 3 - Mauretanischer
Sand
Bereits
in Dakhla haben wir das österreichische Paar Walli und Eberhard
kennengelernt. Beim nächsten Zusammentreffen in Nouakchott stellen wir fest, dass
unsere Routenplanungen fast identisch sind. Auch sie wollen zum
Riesenkrater Guelb er Richat und dann die klassische Sahara-Route
Atar-Tidjikja fahren. Perfekt - fahren wir die Saharastrecke nach
Tidjijka zusammen! Es klappt; zum
verabredeten Zeitpunkt sind sowohl Walli und Eberhard als auch wir
drei auf dem Camping von Atar.
Wir
gehen das gemeinsame Unterfangen gemütlich an. Ausschlafen,
ausgedehntes Frühstück, Kartenstudium, die längst fällige Dusche
für Lisanne, Einpacken, Einkaufen, Tanken - o.k., es kann
losgehn.
 |
Zunächst holpern
wir hintereinander durch das Adrar-Bergland. Wir fühlen uns
an die Krater-Piste erinnert. Die sandige Flanke des
Zarga-Berges bietet willkommene Abwechslung für eine
Mittagsrast. |
Der Range Rover
unserer österreichischen Begleiter will nach Beendigung der Pause
zunächst nicht starten. Wenig später läuft er jedoch wieder.
Diagnose: ein Relais muss wohl gewechselt werden.
 |
Auch zum
Übernachten findet sich ein schöner Platz zwischen kleinen
Dünen. Zwei Nomaden mit einer grossen Kamelherde statten uns
einen Besuch ab. Viele der Tiere sind noch im
"Babyalter". |
 |
Vorwiegend
holprig geht's am nächsten Tag weiter. Zur
"Auflockerung" gilt es hin und wieder ein
kleineres Gebiet mit schönen, einzeln stehenden Sicheldünen
zu durchqueren. |
 |
Dakhlet Lebchir,
eine Fläche aus trockenen Lehmscherben, flankiert von Dünen. Ein guter Ort zum Rasten, finden wir, nicht
ahnend, dass wir 5 Stunden hier bleiben werden, denn nach der
Pause streikt abermals der Range Rover. |
 |
Die Benzinpumpe
scheint das Problem zu sein. Eberhard baut den Tank aus, um die
Pumpe ebenfalls demontieren zu können. Ergebnis: die Pumpe
funktioniert! Alles wird wieder zusammengebaut; das Auto
läuft. Nun denn, es kann weitergehen. |
 |
Ohne zu murren
ackert sich der Range Rover durch die steinigen Hügel. Es
besteht kein Grund zur Sorge, denn für den Fall, dass die
Benzinpumpe wieder streiken sollte, hat Eberhard Ersatz dabei. |
 |
Tag 3 unserer
Tidjikja-Fahrt: Zwischen steinigen Etappen warten auf uns nun
immer mehr schöne Dünen-Abschnitte. Kurt und unser Landi
sind in ihrem Element. Endlich Sand statt Steine! |
In einer tückischen
Senke mit Fech-Fech (feinster heller Sand, fast vergleichbar mit
Kalkpuder) sanden wir ein. Gleichzeitig beschliessen Eberhard und
Walli, ihrem Range Rover eine Pause zu gönnen, da er zu überhitzen
beginnt. Gutes Timing - in der Zeit, die wir zum
"Befreien" des Landis mit Hilfe von Schaufeln, Sandblechen
und Schieben benötigen, kann der Range Rover abkühlen. Der Plan
geht nicht auf: Unser Wagen ist zwar nach einer Weile wieder
startklar, aber der Range Rover macht keinen Mucks mehr. Macht
nichts, bleiben wir hier, es ist später Nachmittag und damit
sowieso Zeit, einen Nachtplatz zu wählen. Morgen früh läuft der
Wagen sicher wieder.
 |
Für den recht unwahrscheinlichen Fall, dass sich während
des Abends oder in der Nacht ein anderes Fahrzeug nähern
sollte, bauen die beiden zur Sicherheit mit Sandblechen und
Warndreieck vor. |
 |
Fast schon
traurig erscheint es einem, wie der Landi da im
Sonnenuntergang zu seinem "kranken" Kollegen
hinüberblickt. Als ob er bereits wüsste, was der nächste
Tag bringt. |
Nichts Gutes
nämlich. Auch in abgekühltem Zustand mag der Kollege nicht
mehr.
 |
Tank und
Benzinpumpe werden wieder ausgebaut; die Handgriffe sitzen
inzwischen. Während dessen studieren Lisanne und ich die
Gewohnheiten der grossen Skarabäus-ähnlichen Käfer, die uns
Gesellschaft leisten. |
Eine neuerliche
Prüfung der Pumpe ergibt, dass sie tot ist. Die
Ersatzpumpe wird eingebaut; und nun kommt das böse Erwachen - auch
sie löst unser Problem nicht. Es gelingt nicht, den erforderlichen
Einspritzdruck von min. 2 bar zu erzeugen. Eberhard war von seinem Mechaniker
bei der Auswahl der Ersatzteile falsch beraten worden.
Mit
diversen Experimenten versuchen Eberhard, Kurt und Walli, das
Problem dennoch zu lösen - erfolglos. Eine neue Pumpe muss
her.
Eberhard
und Walli beschliessen nach eingehender Beratung, dass er mit uns
nach Tidjikja fährt, um sich nach einer Ersatzpumpe umzusehen.
Walli bleibt beim Fahrzeug. Das Risiko, mit einer Pumpe
zurückzukehren und nur noch ein halbes Auto in den Dünen
vorzufinden, wäre ohne "Bewachung" zu gross. Einen
grossen Teil unserer Wasserreserven lassen wir bei Walli zurück.
Kein gutes Gefühl, dieser Abschied mitten in der Wüste.
 |
Sie sind schön,
die Dünenlandschaften, durch die wir - nun zu viert - fahren.
Für Eberhard allerdings auch besorgniserregend, denn die
Piste besteht nur noch aus Sand. Ohne passendes
Ersatzteil hat der Range Rover keine Chance. |
Ca. 30 km südlich
der Stelle, an der wir Walli zurückgelassen haben, geschieht das
Unfassbare. Der Landi sandet ein (wieder in gemeinstem Fech-Fech,
der diesmal jedoch noch mit einer Schicht ockerfarbenen Sandes
"getarnt" war). Nach erfolgreicher Befreiung des Fahrzeugs
möchten wir weiter - aber das Auto ist tot! Die Stromversorgung
scheint komplett zusammengebrochen zu sein. Die scheusslichste aller
denkbaren Situation: Das hilfeholende Fahrzeug bleibt selbst liegen!
Alle Sicherungen werden überprüft, und glücklicherweise ist das
Problem innerhalb weniger Minuten behoben. Für einen ordentlichen
Schrecken hat's gereicht. Froh sind wir auf alle Fälle darüber,
dass wir ein Satellitentelefon dabei haben. Zur Not hätten wir
zumindest per Telefon unsere Position durchgeben und Hilfe anfordern
können.
 |
Bei der
berüchtigten Düne von Taoujafet lässt uns der Landi nicht
im Stich. Eisern pflügt er sich durch die Sandmassen bergauf.
Vor Einbruch der Dunkelheit schaffen wir's bis zur Siedlung
Rachid, wo wir in einer Auberge übernachten. |
 |
Eberhard geht's
schlecht. Er hat verständlicherweise nur eine Sorge: So rasch
wie möglich zurück zum Auto und Walli holen. Gut, dass
Lisanne einen grossen Berg Kinderbücher dabei hat und ihn
"zwingt", einige davon vorzulesen. |
Im kleinen Ort
Tidjikja beschleicht uns am nächsten Tag rasch die Vermutung, dass
die Suche nach Range-Rover-Ersatzteilen hier eine aussichtslose
Sache ist. Wir finden zwar eine kleine Werkstatt nebst Mechaniker;
die (zum grössten Teil stark verrosteten) Fahrzeugteile, die wir zu
Gesicht kriegen, stimmen wenig optimistisch. Um eine Lösung für
unser Problem zu finden, bildet sich ein 6 Mann starkes
einheimisches "Gremium"; als Diskussionsforum dient die
Terrasse einer Auberge.
Alles redet wild
durcheinander; die gleichen Fragen werden xfach wiederholt. Eberhard
spricht nicht französisch; Kurt und ich übersetzen hin und her.
Als wir langsam glauben, dass nun alle das Problem erkannt haben,
fragt wieder einer: "Was für ein Fahrzeug ist es?"
Nach über einer
Stunde wird unsere Vermutung bestätigt: Es gibt keine
Ersatz-Benzinpumpe in Tidjikja. Der einzige Ort in Mauretanien, wo
evtl. ein solches Teil aufzutreiben ist, ist die Hauptstadt
Nouakchott (Entfernung 600 km).
"Alles kein
Problem", versichert uns das 6er-Team. "Ihr seid bei uns
in den besten Händen". "Ihr braucht Euch keine Sorgen zu
machen". "Ihr seid jetzt bei uns, und damit ist Euer
Problem schon so gut wie gelöst." Schallplattenartig werden
diese Phrasen alle paar Minuten wiederholt.
Eberhard hat
inzwischen mit uns das weitere Vorgehen beschlossen: Er will
natürlich schnellstmöglich seine Frau Walli aus den Dünen holen,
egal ob mit oder ohne Benzinpumpe. Ein Einheimischer soll als
Wächter beim Range Rover bleiben. Eberhard will dann zusammen mit
Walli das benötigte Ersatzteil in Nouakchott besorgen
(parallel dazu wird eines in Österreich geordert, per DHL nach
Nouakchott zu versenden).
"Was ist der
Preis pro Tag für einen Geländewagen mit Chauffeur, was der Preis
pro Tag für den Wächter?" wollen wir wissen. Diese Frage
markiert den Übergang vom technischen zum
"kaufmännischen" Teil, und das Szenario ändert sich. Das
6er-Gremium gibt das Wort an Monsieur N. ab, den örtlichen "Responsable
de l'Economie et du Tourisme" (Verantwortlicher für Wirtschaft
und Tourismus). Ruckzuck ist der Zusammenhang klar: Monsieur N.
will grösstmöglichen Profit aus den Touristen ziehen, um SEINE wirtschaftlichen Verhältnisse maximal zu stärken! Als er uns seine
Preise für Fahrzeug und Wächter nennt, haut's uns fast vom Hocker:
500 Euro pro Tag für einen 4x4, 100 Euro pro Tag für den
Wächter. Diese galaktischen Forderungen ergänzt Monsieur N. mit
den (wiederum xfach wiederholten) Beteuerungen "Wir sind auf
Eurer Seite!" und "Wir wollen keinen Profit aus Eurer
Notlage ziehen, sondern sind nur da, um Euch zu helfen. Das ist
reiner Service." Wenn man weiss, dass das jährliche
Durchschnittseinkommen eines Mauretaniers bei ca. 400 Euro liegt,
braucht es ein gewisses Mass an Selbstbeherrschung, um in Anbetracht
dieser dreisten Lügen cool zu bleiben...
Unser Trumpf: der
Landi. "Wenn Ihr kein vernünftiges Angebot macht, fahren wir
selbst". Zwar nicht unbedingt sinnvoll, die Fahrt mit
kompletter Reiseausrüstung zu machen, wenn ein leeres und damit
leichtes einheimisches Fahrzeug zur Verfügung steht, aber im
Zweifelsfall doch eine Alternative. Nach geschlagenen 5 Stunden
können die Verhandlungen jedoch zum Glück erfolgreich beendet
werden. Alle Vereinbarungen werden in einem von uns
niedergeschriebenen Vertrag festgehalten (unbedingt zu empfehlen!).
Preis pro Tag für Fahrzeug mit Chauffeur (Diesel inbegriffen): ca.
100 Euro. Tagesgebühr für den Wächter: ca. 20 Euro. Zusätzlich
ist nach erfolgter Bergung des Range Rover ein Bonus für Monsieur N. in
Höhe von 50 Euro fällig.
Eberhard tritt mit
Chauffeur und Wächter den Rückweg in die Wüste an. Wir - k.o. vom langen Verhandeln - haben
genug von Tidjikja und verlassen den Ort ebenfalls.
Bei der grossen Oase Nbeika
finden wir anderthalb Stunden später einen wunderschönen,
traumhaft friedlichen Platz zum Übernachten. Mit Seerosen
bewachsene Teiche inmitten steil abfallender Dünen, reiche
Vegetation und Rinderherden - eine Oase wie aus dem Bilderbuch.

Wir sind fasziniert
von dem Gedanken, in den Gueltas von Matmata bzw. Tartega
(Felsbecken, die meist ganzjährig Wasser führen) eventuell eines der dort
lebenden Wüstenkrokodile sehen zu können. Zur Vorbereitung für
den auf uns wartenden Fussmarsch gehört neben Sonnenschutz und
Wasser auch das Montieren von geeignetem Schuhwerk. Vergeblich
durchsuche ich das komplette Auto; Lisannes und meine Laufschuhe
sind verschwunden. Mögliche Schlussfolgerungen: entweder sind die Schuhe
am Vortag versehentlich aus dem Auto gefallen, oder jemand hat sie
entwendet.
 |
Bei 35°C im
Schatten schaffen pelzgefütterte Schuhe (einzige verfügbare
Alternative zu den Badelatschen) nicht unbedingt ideale
Wohlfühl-Bedingungen, wenn man über Felsblöcke klettert und
im Sand marschiert. Mit von der Partie ist ein junger
Ziegenhirte, der zufällig vor Ort war und den wir eingeladen
haben, uns zu begleiten. |
Für Lisanne und mich
wird das Klettern zu beschwerlich; Kurt geht mit dem Jungen alleine
weiter bis zum hintersten Guelta und kann tatsächlich sehen, wie
ein Krokodil ins Wasser springt. Vom höhergelegenen Felsplateau
wären die Beobachtungsmöglichkeiten besser gewesen; dazu hätten
wir gar nicht in die Schlucht hineinfahren, sondern dem Plateaurand
folgen sollen. Nächstes Mal!
Beeindruckend ist der
Blick auf den Ort Moudjéria, eingebettet zwischen schroffen dunklen
Bergen und endlos scheinenden Dünengebieten.

Die von Hand in den
Sand gesteckten Palmwedel im Vordergrund sollen die Dünen daran
hindern, über die aufwendig gebaute Strasse zu wandern.

Ein Dorf an der Route
de l'Espoir (Strasse der Hoffnung): Am späten Nachmittag erwacht
das Leben.

Immer wieder
verblüffend: Afrikanische Beladungs-Praktiken.

In Nouakchott gibt es
ein fröhliches Wiedersehen mit unseren österreichischen Freunden
Walli und Eberhard (die auf ihr DHL-Paket warten; auch in der
Hauptstadt scheint es kein Ersatzteil zu geben).
Die Gemüsekiste im
Landi beschert mir ein weiteres "Wiedersehen" - als ich
Kartoffeln und Mandarinen verstauen will, finde ich dort ..... meine
und Lisannes Schuhe!
Während Walli und
Eberhard ihre weitere Reise in Richtung Süden (nach erfolgter
Reparatur, versteht sich) planen, geht's bei uns jetzt Richtung
Heimat. Statt der recht monotonen halbfertigen neuen Strasse
entscheiden wir uns für die Fahrt entlang des Ebbstrands und durch
den Nationalpark Banc d'Arguin.
An den Fischern und
Booten vorbei fahren wir auf den von der Ebbe freigegebenen
Strandstreifen.

Riesige
Möwenschwärme, die beim Näherkommen auffliegen...

hohe Dünen, die bei
Flut nahtlos ins Meer übergehen.

Für
die anschliessende Fahrt durch den Nationalpark lassen wir uns
anderthalb Tage Zeit.
 |
Was Lisanne neben
der Übernachtung im Strand-Campement von Arkeiss (Cap Tafarit)
am besten gefällt? Natürlich das Hinaufkraxeln und
Hinabrutschen von den höchsten Dünen, die zu finden sind. |
 |
Nach einer
raschen und problemfreien Ausreise geht's durch die endlos
scheinenden Weiten der Westsahara in Richtung Norden. Ganz
ohne Heuschrecken! Nur noch die vertrockneten Kadaver am
Strassenrand zeugen von der Plage. |
 |
Zerbröselnder
Charme in der einst von Spaniern gegründeten Stadt Sidi Ifni. |
 |
Der Blick auf die
schneebedeckten Gipfel des Hohen Atlas erinnert uns daran,
dass zuhause der Winter auf uns wartet. |
 |
Eine Stadt mit
unverwechselbarem orientalischem Flair, die uns immer wieder
in ihren Bann zieht: Marrakech. |
 |
Mit strahlendem
Sonnenschein in Tanger verabschiedet sich Marokko von
uns. |
Eine sehr
abwechslungsreiche Reise ist es geworden; spannend und bisweilen
abenteuerlich - nicht zuletzt dank der Schwierigkeiten, die es zu
überwinden galt.
Begonnen
hatte ich diesen Bericht mit den Schweinchen Piggeldy &
Frederick bzw. deren philosophischer Definition des Wortes
"Fernweh". So komme ich auch zum Schluss nochmals zu den
beiden Ringelschwänzchen zurück. Piggeldy möchte nämlich von
seinem klugen Bruder wissen, wo es denn ist, das Ende der Welt.
Darauf Frederick: "Das, mein lieber Piggeldy, weiss kein
Schwein!"
Vielleicht
kein Schwein, aber wir! Zumindest eines der unzähligen
"Enden der Welt" kennen wir.

Wenige
Kilometer von unserem Wohnort entfernt im Schweizer Jura.
Die
vielen vielen anderen Enden dieser Welt sind es, die uns immer
wieder in die Ferne locken - und reich an neuen Eindrücken und
Erfahrungen heimkehren lassen zu "unserem" Ende der Welt.


zum
Anfang des Berichts
Fotos
im Grossformat
Infos
zu Mauretanien
Weitere
Reiseberichte
zur
Startseite